AD Karnebogen und die längste Versuchung der Welt

 
Morgens halb zehn in Deutschland im Jahr 2014 n. Chr. Alle Designer hartzen in Berlin… Alle Designer? Mitnichten! Ein unbeugsamer Art Director aus Colonia Claudia Ara Agrippinensium hört nicht auf, der Abwanderung und dem Brain-Drain Widerstand zu leisten. Umgeben von den prekären Hartz-4-Hochburgen Kalk, Mülheim, Chorweiler und Südstadt ist das Leben wenig lukrativ in der römischen Ansiedlung, die innerhalb der befestigten Stadtmauern nur Dom, Karneval und eingestürzte Archive zu bieten hat…

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Je näher AD Karnebogen dem vibrierenden Viertel kam, desto schleppender wurde sein Gang. Diesen unlängst gentrifizierten Stadtteil hatte er schon lange nicht mehr betreten. Dort wo früher Designläden wie „Ling-Lings Nail-Art“ ansässig waren, sah man jetzt vegane Biosupermärkte oder die Hundesalonkette „Doggystyle“. Es ging bergab mit dem Wirtschaftsstandort.
Als der AD sein Ziel erreichte, hielt er kurz inne, bevor er den Buzzer drückte.
Am gestrigen After-Work-Abend hatte er eine Kurznachricht von einer ihm unbekannten Nummer auf seinem Smartphone empfangen: „Wenn das Bessere der Feind des Guten ist, dann ist das Schlechtere der Freund des Schlechten. Wollen wir wieder Freunde sein? Schau in dein Herz, dann weißt du wohin du kommen musst.“
Netiquette war für diesen welchen wohl ein französisches Fremdwort. Kein Smiley, kein Emoticon, nur dieser kryptische Text. Was hatte das alles zu bedeuten?
Gerade, als er die verklausulierte Botschaft in den digitalen Orcus spülen wollte, war eine SMS von seinem Pre-Paid-Anbieter eingegangen, als wüsste dieser ganz genau, was ihm justamente durch das poröse Hirn ging.
„Das Highspeed-Datenvolumen Ihrer Option ist verbraucht.“, hatte der antizipierende Anbieter geschrieben. „Neues Highspeed-Volumen für 1,99 Euro buchen: Per SMS mit LÄUFT an kostenlose 7353 antworten.“
AD Karnebogen hatte sofort zurückgesimst, was denn geschehen sei, jedoch keine Antwort erhalten. Ein beklemmendes Feeling hatte ihn erfasst, doch er versuchte, sich zu sedieren. Wird schon, eine Option hatte ich sowieso nie, dachte er sich.
AD war nicht auf dem Läufigen und hatte nicht den blasiertesten Schimmer, was sich in der Zwischenzeit abgespielt haben mochte, war er doch erst vor kurzem aus Usedombekistan zurückgekehrt, wo er ein halbes Dreivierteljahr in der Jurte eines berüchtigten Mietnomaden untergekommen war. Er besuchte dort seine alte Alma Mater in Ulan Bator, aber ansonsten hatte er nix mit der.
Unwillkürlich bleckte er seine verbliebenen Milchzähne. Es war eine superjeile Zick gewesen, denn er hatte sich seinen Aufenthalt dort als professioneller Prokrastinierer finanziert und dabei viele essentielle Learnings gemacht.
Derweil drückte er den Buzzer und ein Paternoster zischte an ihm vorbei. AD trat hindurch und ging langsam die Treppe zum Empfangsschafott hinauf.
Ein Agenturdrache öffnete ihm, ein falsches Lächeln auf den echten Dritten.
„Der Eintritt kostet den Verstand. Willkommen im Werbewunderland!“, grüßte der gatekeepende Drache und hielt ihm die Kusshand hin, die der AD galant umgarnte. Er war eben der Art Director, dem die Frauen vertrauen.
Die Gichtgriffel sackten herab, die Visage verfinsterte sich. Ihr linkes Bein begann unkontrolliert zu zucken. Dieser Agenturdrache war aufgekratzt wie juckende Neurodermitis. Hier schien etwas im Busch zu sein. Ihre letzten zwölf Senzera-Termine hatte sie allem Anschein nach auch abgesagt, folgerte er rasiermesserscharf.
Er folgte dem Drachen um Haaresbreite, blieb jedoch in der überdimensionialen Webdesignproduktionsstrasse einen goldenen Moment lang stehen und ließ seinen hornhautgekrümmten Silberblick schweifen.
„Mon chéri!“, staunte er nicht schlecht. In der Mitte des Raumes stand ein ewig sprudelnder Schokoladenbrunnen in dem sich ein fast nackter Pygniker verlustierte und AD Karnebogen süßholzraspelnd zuprostete: „Freunden gibt man ein Küsschen!“
Dabei machte dieser ein überzuckertes Duckface, dass ganz Entenhausen das Diabetes-ABC in den Schnabel getrieben hätte.
„D-D-Das… Das ist doch…“, fiel es dem AD wie Hagelslag aus dem braunen Haupthaare: „Jean-Remy Martin!“ – seineszeichens abgetakelte Gallionsfigur der inhabergeführten Seite der Werbung und ADs ärgster Kontrahent!
„Wieso schwimmt der nicht mehr wie Milky Way in Milch?“, fragte sich der AD stirnrunzelnd. Jean-Remy hatte sichtlich zugelegt und ließ sich nur noch von viskoser Schokomasse tragen. Er lümmelte in Mey-Unterhose gekleidet und mit Selbstauslöser im Anschlag in besagtem Brunnen und gab sich indigniert, als ginge ihn das kreative Treiben um ihn herum nicht die entkoffeinierte Kakaobohne an.
AD Karnebogen beäugte den weinbrandseligen Satyr der Werbung misstrauisch. Sie hatten früher einmal zusammengearbeitet, doch das war lang-lang her, noch zu Zeiten als MTV witzigerweise Musikvideos sendete. An der normativen Kraft der Agenturwirklichkeit zerschellten ihre Projekte wie Tontauben im Kugelhagel eines Schützenfests und ließ sie zu passiv-aggressiven Erzfeinden werden. Am Tag seines Bruches mit Jean-Remy ist er gegangen worden, weil er es nicht eine Apple Keynote länger ertragen hatte, weiter an der milchgebenden Brust dieses sinistren Genies genährt zu werden. In all den Jahren hatte er versucht, sich auch gefühlsmäßig von ihm zu lösen, doch vor allem die enge, allzuenge Kundenbindung wollte ihn nicht loslassen. Er wusste, dass er so lange siamesisch-schicksalhaft mit Jean-Remy verbunden bleiben würde, wie die Erinnerungen an all die ungeschriebenen Briefings und unbezahlten Überstunden nicht ein Jota verblasst waren.
Allein schon der Anblick seines Gegenspielers erzeugte in ihm tiefste Abwehr gepaart mit erotischer Anziehung. Jean-Remy war gewieft und hintertrieben. Ein Kreationist, der seine Inspiration darin fand, anderen seine Transpiration unter die Nase zu reiben und olfaktorisch zu belästigen.
ADs Blick wanderte über Jean-Remys Astra-Körper – Pils formte diesen Palast – und unwillkürlich grübelte er, als er an jenen Moment zurückdachte, an dem er fortgegangen wurde. Dies war eine der wenigen Erinnerungen, die er ins undurchdringliche Dickicht des Unbewussten schob.
AD Karnebogen war ein friedliebender Mensch, der Rationalisierung und Verdrängung für ein geeignetes Tool hielt mit der Vergangenheit klarzukommen, doch hier ging es um Retraumatisierung – seine Retraumatisierung.
Als er damals seinen Schreibtisch aufsuchte, lag dort ein geharnischtes Schreiben und ein geteiltes Ferrero Küsschen. Er hatte sofort gewusst, dass dieses Traktat von Jean-Remy war, und er hatte ebenfalls gewusst, dass Jean-Remy alleine ihn traktieren wollte.
Eiseskälte hatte ihn erfüllt, als er in Jean-Remys Office marschiert war und sich den warmen Werbe-Bruder vornehmen wollte.
„Damit du weißt, wie das ist, etwas wichtiges zu verlieren, habe ich dir alle Yoguretten aus dem Kühlschrank weggefuttert“, hatte er dem überraschten Jean-Remy vor den Latz geknallt und ihn noch einmal kräftig geschüttelt, nicht gerührt.
„Das ist nicht professionell,“ antwortete dieser keck, „aber an meiner Milchschnitte darfst du gerne knabbern!“
„Dafür geh ich nicht mal tagsüber zum Kühlschrank“, entgegnete der AD konsterniert. „Du warst mal wertvoll wie ein kleines Steak für mich, aber damit ist nun endgültig Schluss, Finito und vorb…“
Das Smartphone schrillte, schweißgebadet schreckte AD Karnebogen auf und stand unverzüglich senkrecht in seinem Bett. Alles nur geträumt, dachte er. Alles nur geträumt?
Schlaftrunken trottete er zum Kühlschrank. Obwohl es morgens halb zehn in Deutschland war und für ihn eigentlich schon fünf vor zwölf, griff er zu einem After Eight. AD Karnebogen biss gedankenverloren in das zartbittere Schokoladentäfelchen. Sein Selbstwertgefühl schmolz im Mund und nicht in der Hand…