Als AD Karnebogen dem Shitstorm knapp entkam

 
„Na, du alte Keule“, begrüßte Theodor Shitstorm, seineszeichens Agrar-Ökonom und vierschrötiger Schweinebauchtexter, jovial AD Karnebogen, der bereits vor einem heruntergekommenen Agenturanwesen auf ihn wartete. „Stehst du schon lange knietief hier in der Gülle?“
Shitstorm nahm wie immer kein Blatt vor den Mund, wenn er feucht aussprach. Sein Gesicht wurde stattdessen vom fahlen, digitalen Schein seines Smartphones erhellt.
„Shitstorm, alter Schwerenöter“ antwortete AD Karnebogen. „Seit mir mein Haus-Proktologe den Katheder gelegt hat, läuft’s wieder wie geschmiert. Am Bein herunter.“
Somnambul fingerte Theodor den Dietrich aus seiner ausgebeulten Unterhose und öffnete die schwergängige Agentur-Pforte. Nach wochenlangem Googeln auf Yahoo hatte Shitstorm endlich die geeigneten Räumlichkeiten gefunden, um seinen Traum von einer eigenen Ferkelzucht olfaktorische Wirklichkeit werden zu lassen. Übergestern war der Knebelvertrag mit geronnenem Schweineblut besiegelt worden; die ehemals heiligen Hallen der insolventen Multimedia-Agentur „Pigseleye“ gehörten nun Shitstorm.
Gespannt wie Katzendarm betraten die beiden Vollblutwerber die verwaisten Räume.
„Mein lieber Herr Veterinär, hier sieht’s ja schon aus wie im Schweinestall“, stellte AD Karnebogen nach einem flüchtigen Blick auf zerbrochene Flatscreens und vollgeschmierte Flipcharts fest.
„Diese vollgesaute Agentur ist doch perfekt“, schwärmte Theodor Shitstorm. Seine feisten Pausbacken plusterten sich auf und seine Lefzen lechzten. „Hier drüben bauen wir die Wärmelampen auf, dorthin kommt der Futtertrog, und da hinten lasse ich eine Wand für die Besamungsstation einziehen – natürlich komplett aus Plexiglas, damit man den geilen Schweinen auch bei der Notzucht zusehen kann. Bei mir wird nämlich Transparenz großgeschrieben.“
Er gluckste albern auf und stieß dabei dem AD in die Rippchen.
„AD Karnebogen, deine Aufgabe wird sein, meine Zucht viral zu promoten“, fuhr Shitstorm voller präpotentem Gründerstolz fort.
Während er sprach, eierte der vierschrötige Schweinebauchtexter von einer Ecke des Raumes zur anderen und fuchtelte fuchsteufelswild herum. Vor seinem dritten Auge hatten die Ferkel bereits ihre endgültige, gemästete Gestalt angenommen, so schien es.
„Und da, im Foyer, wird das Eberspray versprüht.“
„Eber… was?“, fragte der AD entgeistert.
„Das Eberspray „Saugeil“! Da hab ich hundert Europaletten von bestellt. Das Spray macht die Säue brünstig und stimuliert zögerliche Eber. So ähnlich wie Wodka Red Bull bei betrunkenen Hornochsen. Man sprüht ihnen das Zeug in die Steckdosenschnauze und schon – grins, grunz – geht’s los, wenn du – knick, knack – verstehst was ich meine. Da wird dann gedeckt wie bei Omas Kaffeeklatsch. Mit viel Schlagobers. Und hier stehen dann kleine Cocktail-Sofas mit niedrigen Nierentischchen davor. Unser Konfi!“
„Du verstehst es ausgezeichnet heiße Luft als frischen Wind zu verkaufen und eine Agentur zum Schweinestall zu machen“, gab der Art Director zu verstehen.
„Ich werde das Spray erstmal an unbedarften Praktikanten beta-testen.“ warf Shitstorm dazwischen. „Ich möchte nämlich so schnell wie möglich mit der Penetration in den gesättigten Markt beginnen. Wenn wir die Fertilisation anschmeissen, soll ganz NRW, ach was sag ich, ganz BRD über uns tweeten, facebooken und tindern was das Zeug hält.“
„Ich bin mir sicher, dass deine degoutanten Porcherien von der Journaille wie ein delikates Amuse-Gueule goutiert werden“, salberte AD Karnebogen frankophil.
„Ich habe mich schon mit einflussreichen Bloggern in Verbindung gesetzt.“ Shitstorm hörte wie immer auf seine innere Uhr. „In einer halben Stunde kommt ein Blogger vom Shice-Magazine. Und danach habe ich noch einen Termin mit einer pubertierenden Souffleuse von Eymie&Punk.“
„Eymie&Punk? Shice-Magazine? Nie gehört. Und überhaupt „einflussreiche Blogger“, da kannst du gleich adipöse Magermodels daten oder veganen Pescetariern ein saftiges Schnitzel braten.“ bemerkte AD Karnebogen nonchalant wie ein sanft perlender Natursekt. „Na ja, wenn ein Schweinebauchtexter einen Stall eröffnet, dann steht die Blog-Elite eben Schlange. Für Schweine.“
„Ich hoffe, meine Ferkeleien sind berichtenswert für die Digital-Bohème.“
„Na sicher, du weißt doch, im Internet ist Pork immer nur einen Klick entfernt.“
„Jetzt wird aber erst einmal geknabbert“, frohlockte Shitstorm. „Draußen im Fahrradkorb habe ich noch Bacon-Chips. Ich bin justamente zurück.“
Als Theodor die Agentur Richtung Fahrradständer verlassen hatte, krempelte AD Karnebogen lasziv sein enganliegendes Muskelshirt von den speckigen Alabasterarmen und zog herkulisch ein vollgekritzeltes Flipchart und zwei Bürostühle hervor. Er hooverte die staubgewordenen Start-Up-Visionen mit einem Dyson von den Möbeln und swipte nochmal mit Zewa Wisch & Weg feucht drüber, dann stellte er alles mitten in die offene Peristaltik.
„Wo geputzt wird, da lass dich nieder, Hipster sind ziemlich bieder!“, rief er, als Shitstorm mit den Fressalien wieder hereinkam, und deutete mit seinem kleinen Finger auf die improvisierte Meetinggelegenheit.
„Geil, das sau ich alles wieder mit fettigen Chips ein“, befand Theodor und entleerte die ganze Tüte. „Und damit unser Meeting Atmosphäre bekommt, versprühe ich mal etwas vom Eberspray.“
Ein anschwellendes Zischen, das mehrfach von der Flüsterdecke zurückgeworfen wurde, schwängerte den Raum mit ätherischen Substanzen und schuf stante pede eine schwül-feuchte Stimmung.
„Auf die Züchtigung und eine fruchtbare Zusammenarbeit“, züngelte Shitstorm. „Du bist das beste Fohlen in meinem Stall. Und das einzige. Darauf ein Bacon-Chip!“
Theodor Shitstorm hatte in ganz NRW Ausschau nach einem kompetenten Werber gehalten, und da er niemanden fand, rief er eben bei der Landjugend an und bekam den Art Director, dem die Frauen vertrauen, mit warmen Worten empfohlen. Mit seinem für die Internet-Branche fast biblischen Alter von über Mitte dreißig hatte besagter und betagter AD bereits viel Irritation in unterschiedlichsten Agenturen und Projekten gesammelt.
„Das wird endgeil, AD. Ich hab das im Urin. Die grunzenden Viecher höre ich schon schnappatmen.“, beschrieb Shitstorm seine phantasmagorische Vision.
„Uijuijuijui, ich schnapp auch schon nach Atem. Mir wird hier gerade ganz schön schummerig im Gebälk“, delirierte der AD, dem langsam aber sicher das Eberpheromon kitzelnd in die Nüstern stieg.
„Ja es riecht etwas streng und blümerant. So nach Tulpe mit einer Note Uterus im Abgang.“
„Ein scheußliches Bouquet“, widersprach der AD. „Und ziemlich stechend. Erinnert mich an den Duft „Odeur de Látrïne“ von Cacarel.“
„Aus dem Chemie-Unterricht weiß ich noch, das man sich penetranten Geruch nur zufächeln darf, sonst gerät der Riechkolben in Mitleiden…“
„Wozu brauchen Sie denn in einer Zucht einen Riechkolben?“, unterbrach ein näselndes Organ das intime Tête-à-tête. „Entschuldigung, dass ich aufplatze, ich habe einen McRib intus. Gestatten: Perez Taltique vom Shice-Magazine.“
„Ah, Monsieur Taltique. Quelle horreur, wie der Franzmann sagt! Ich bin Theodor Shitstorm und die blasser werdende Lichtgestalt an meiner gepökelten Seite ist AD Karnebogen. Schön, dass Sie uns gerade stören.“
„Ich glaube, ich muss mich von euch lossprechen!“, stammelte AD Karnebogen nach Sauerstoff ringend und fügte verklärend hinzu: „Ich geh mal lieber an die frische Landluft und lass euch zwei alleine.“
„Mach mal! Ich kann meinen klebrigen Sermon auch alleine absondern“, gab Shitstorm Bescheid.
Nachdem der AD dem Shitstorm entkam, redeten die verbliebenen Beiden Klartext miteinander.
„Herr Shitstorm, unsere Leser sind zumeist dyslektische Legastheniker, sie wollen ihre Geschichte nur hören.“
„Ich habe gedacht, dass Sie was schreiben wollen?“, fragte Shitstorm nun leicht indigniert. „Ich will auf keinen Fall die nächste Sau sein, die durchs globale Dorf getrieben wird.“
„Keine Sorge, Herr Shitstorm, natürlich werde ich eine kurze Headline und eine effekthaschende Subhead schreiben. Aber die User unseres Blogs dürfen nicht mit zu vielen Wörtern, Sätzen, oder gar Absätzen verunsichert werden.“ Perez Taltique legte sein Smartphone auf den Tisch und klickte eine Sprachmemo-App an. „Sie haben sich für das Konzept ihrer Schweinemast von Wald-und-Wiesen-Werbeagenturen inspirieren lassen?“
„Ja, das stimmt. Als passionierter Schweinebauchtexter ist es meine leichteste Übung, Anzeigen mit brabbelndem Text zu mästen und lästige Störer zu keulen.“ redete Shitstorm sich langsam in Rage. „Mein wichtigster Kunde war monatelang der sympathische, kleine Einzelhändler Schnidl. Der branchenweit bekannte Newsletter „Schnidl inkontinent“ ist, wie ich nicht ohne prätentiösem Stolz verkünden darf, von meiner bescheidenen Wenigk…“
„Was haben Sie gesagt? Ich glaub, ich hab kurzzeitig das Bewusstsein verloren. Dieser verdammte Redeschwall!“, unterbrach Perez Taltique den Gestank.
Shitstorm wurde plötzlich extrem ungehalten. Impulskontrolle war definitiv nicht sein Ding. Er sprang wie eine verrostete Motorhaube auf und nahm den konsternierten Taltique in den feuchten Schwitzkasten. Dieser wehrte sich weniger, als das er sich Shitstorm wie eine von einer Abrissbirne getroffene Trümmerfrau in seine sehnlich-sehnigen Arme warf.
Alle angestauten Gefühle, die abgestanden im Raum waberten, brachen sich explosionsartig Bahn wie nach zu viel Verzehr von abführendem Vivil. Beide wälzten und suhlten sich im Urschlamm ihrer passiv-aggressiven Temperamente. Ein weises Wort bewahrheitete sich wieder einmal:
Ist der Darm erstmal entleert,
lebt es sich ganz unbeschwert…