Als der Scooter nach Breiburg kam…

»Hyper, hyper, sind die hyperarouselt!«, meinte Senior Consultant Dennis Dombrowski scharfsinnig zu seinem Facebook-Freund AD Björn Karnebogen und gestikulierte mit seiner Hand vor ihm herum als wäre sein Antlitz ein verschmiertes Touchpad. Sie hatten soeben das solarzellengepflasterte Industriegebiet von Breiburg im Freisgau erreicht, in dem sich die Event-Agentur „Kirmes & Partner“ befand. Eine schnöde Sichtbetonzweckbaubaracke lugte keck zwischen geleasten Platanen hervor, mild beschienen von den kalten Strahlen eingeschalteter iPad-Lichtfluter. »Da kommen uns ja schon Leonie Egger und ihr Kollege Proxy Langfranz, besser bekannt als ›der promiske Praktikant‹, entgegen.«
AD Karnebogen, der auf dem Sozius unruhig hin und her schaukelte, säuberte seine beschlagenen Nerdbrillengläser, um die beiden Praktikanten, die auf sie zuliefen, besser scannen zu können. Leonie und Proxy tweeteten, liketen und poketen sich gegenseitig ab. »Sie scheinen wirklich sehr motiviert und gerne für umme zu arbeiten«, resümierte er konsterniert und zupfte sich dabei allerlei Insekt aus der Kauleiste.
»Ich habe dir doch gesagt, dass sich Praktikanten in Agenturen darum reißen ohne Bezahlung arbeiten zu dürfen. Das ist schliesslich ein Privileg. Du hättest nicht so lange zögern sollen, selber welche zu rekrutieren.«
»Jetzt habe ich mir ja meine persönliche Praktikanten-Kohorte zusammengestellt. Ich nenne sie „die drei Hashtags“. Man könnte es wirklich auf die Formel bringen: Prekariat wertvoll!«
»Aber zum Prekariats- und Geringverdienerfestival „Hartz 4 gewinnt“ willst du mich trotzdem nicht begleiten?«, erkundigte sich Dennis verschnupft.
»Danke, aber bei dem Spiel mache ich nicht mit!«, wehrte der AD ab. »Du weißt doch, dass mir dieses Projekt in der fernen Peristaltik Pforzheims sehr wichtig ist. Ich will es für meinen insolventesten Kunden persönlich eintüten, da werde ich es doch nicht auf irgendeinem Geringverdienerfestival krachen lassen, wenn ich stattdessen enervierende Powerpoint-Präsentationen abhalten kann.«
»Mit viel Power kommt man auf den Point!«, postulierte Dennis.
»Wohl wahr!«, bestätigte AD Karnebogen und setzte hinzu: »Du wirst ja noch öfter auf prekären Hochzeiten tanzen können und irgendwann bin ich dabei. Promised. Großes Interaktiven-Ehrenwort.«
An dieser Stelle endete ihr Chat, denn Proxy hatte Dennis‘ Scooter als erster erreicht. Er war außer sich, sein Gesicht war auf links gedreht, aber seine Frisur frohlockte. »Wicked, dass ihr gekommen seid!«, stieß er hervor.
»Hallo, Proxy«, grüßte Dennis. »Das ist mein guter Facebook-Freund und enger Xing-Kontakt AD Karnebogen, der Art Director, dem die Frauen vertrauen.«
Dennis stieg ab, um Proxy noch einmal jovial zu herzen. Er kraulte ihm am Allerwertesten und wandte sich dann Leonie zu, die vorsichtshalber zwei Meter Sicherheitsabstand gewahrt hatte und sich in die Haare fuhr. »Scheisse, schon wieder Bad-Hair-Day!«, jammerte sie. »Ich hab mir die Haare erst mit Conditioner und dann mit Shampoo gewaschen! Das ist total Timotei, ey!«
Dennis machte auch sie mit dem AD bekannt und setzte erneut hinzu: »Du kannst seine übergriffige Freundschaftsanfrage gerne annehmen.«
»Hätte ich sowieso getan. Ich will nämlich die längste Freundesliste von der ganzen virtuellen Welt haben«, erklärte Leonie unverhofft offen, woraufhin die anderen liketen was das Zeug hielt.
Leonie war zweiundzwanzigeinhalb Jahre alt und eine aspirierende Mode-Bloggerin. Sie hatte einen trendigen Undercut und immer Jute-Taschen mit meist lustigen, aber hin und wieder auch sehr nachdenklichen Sprüchen um die anorexe Schulter geschlungen. Im Großen und Ganzen zog sie sich an wie ihre eigene Oma – American Apparel, Urban Outfitters, gepaart mit einem stets vernachlässigten Hipster-Dutt. Doch hätte sie nicht in regelmäßigen Abständen bei Primark geshoppt, dann sähe ihr Portemonnaie genauso alt aus wie sie selber schon. Zum Glück lieh sie sich immer wieder die Boyfriend-Jeans von Proxy aus, der vergaß darin nämlich immer seine Brieftasche.
Proxy war nicht nur ihr entfernter Vetter, sondern auch ihr naher Kollege. Anders als sie, war er flächendeckend mit Tattoos bedeckt, was ihn wie ein von geriatrischen Grundschülern vollgekritzeltes, unliniertes Oktavheft aussehen ließ. Er war dünn, fahl und glatt rasiert. Außerdem trug er einen Vollbart. Etliche Wochen zuvor hatte er durch eine Privatinsolvenz sein unbezahltes Praktikum bei einem vielversprechenden Berliner Event-Start-Up verloren. Da war nun Schluss aus und Amen. Seitdem war er in sich gekehrter, als es bei einem Sechsundzwanzigjährigen Part-Time-Hedonisten zu erwarten gewesen wäre. Aber er war glücklicherweise im selben Swinger-Club Mitglied wie der Event-Manager Hans-Yoda Kirmes und so war Proxy dank Vitamin B und Hepatitis C wieder in der Agenturszene untergekommen.
»Wieso nennt man dich ›den promisken Praktikanten‹, Proxy?«, fragte AD Karnebogen unvermittelt. Er hätte natürlich auch Dennis diese Frage stellen können, aber es schien ihm ein guter Anfang für ein potentielles Fettnäpfchen zu sein. Schließlich war er bekannt dafür, für einen schlechten Scherz Haus und Hof zu verpfänden. »So praktikabel siehst du mir gar nicht aus.«
»Ich lass praktisch alles mit mir machen«, erklärte Proxy. »Man könnte sagen ich bin „ein Mädchen für alles“, aber weil ich Mädchen nicht so gerne mag, nannte man mich irgendwann ›den promisken Praktikanten‹.«
»Schönes Story-Telling«, meinte der AD gönnerhaft. »Du hast also einen desavouierender Nickname. Das macht sich gut in den asozialen Medien.«
»Ja, wenn ich mich selber google, dann finde ich mich nie«, erklärte der Praktikant.
»Diese Rationalisierung höre ich heute zum ersten Mal, Proxy!«, rief Dennis. »Dann hat sich deine Therapie ja doch noch bezahlt gemacht.«
»Hat alles die Krankenkasse gezahlt!«, gab Proxy zu.
Leonie wurde ungeduldig. »Können wir nicht endlich in die Agentur gehen? Ich möchte euch meine neueste Jute-Tasche zeigen!«, rief sie.
Sie gingen alle ins Foyer der Agentur, wo sich Leonie von den anderen trennte um die Jute-Tasche aus ihrem Spind zu holen. Als sie wiederkam, präsentierte sie den anderen stolz ihre neueste Errungenschaft mit den Worten: »Jut, ne?«
Dennis und AD Karnebogen hatten die Tasche bisher nur angestarrt. Ihnen hatte es die Sprache verschlagen. Sie war nicht hip im eigentlichen Sinn, aber gerade ihre abgeranzte Oberfläche und die leicht ausgebeulte Form gaben der Jute eine besondere Ästhetik. Der schwarze, in Arial gesetzte Aufdruck war ein gedankenvoller und ernster Kommentar über das Leben, die Welt und den ganzen Rest: „Life is short and so is your dick!“
In der ehrenwerten Eventbranche ging es eben seit jeher besonders promisk zu…