Als aus der Hackordnung fast Hackfleisch wurde…

»Hallo Herr Kaiser, mir goutiert es ganz und gar nicht, dass Sie auf Facebook mehr Freunde haben als ich. Deshalb werde ich Ihnen ein Branding auf Ihr Sitzfleisch brennen bis Sie einen Burnout bekommen.«, tippte Screen Designer René Géramond behände mit seiner rudimentären Zehnfingertechnik auf die Pinnwand von Konkurrent und Kollegen Information Architect Julian Kaiser.
Human Relations Manager Adam Positas blickte verblüfft von seiner Tabellenkalkulation auf in den Marktplatz der beschränkten Aufmerksamkeit.
Die knäckebrottrockenen Kommentare, die er auf der Pinnwand rasch überflog, wollten so gar nicht zu der kaloriengeschwängerten Mittagspause passen, die wertvoll wie ein kleines Steak über der Agentur BDSM im servilen Bonn-Ditsch lag.
»Wenn du nicht socialized und networkst, hast du selber Schuld! Smiley.«, sah Adam „Addi“ Positas Julian posten und weiter: »René, solche Kommentare helfen dir nicht weiter, das versichere ich dir. Zwinkersmiley.«
Ei der Daus, was war denn da los?
Der Manager sprang auf und schaute auf den Anzeigenstand neuer Einträge. Er sah, wie Screen Designer René Géramond mächtig an der Hierarchie rüttelte, auf deren Beliebtheitsskala der Information Architect Julian Kaiser bisher über ihm stand. Die Hierarchie wankte bedrohlich.
Mit einem energischen Klick öffnete der Human Relations Manager nun seinerseits das Kommentarfeld und intervenierte: »Monsieur Géramond, lassen Sie sofort die Hierarchie in Ruhe!«
»Mischen Sie sich nicht ein, Herr Human Relations Manager.«, antwortete René diesem nun per Messenger. »Mischen impossible! Das ist ne Issue zwischen dem ehrenwerten Herrn Kaiser und meiner Wenigkeit.«
»Nicht wenn es in mein Kompetenzfeld fällt. Ich manage schliesslich humane Relationen!«, trug Adam Positas dick auf. Er schloss sein Facebook mit sieben Siegeln und eilte durch das Foyer der Agentur zu den Designerstallungen. Dort roch es für ihn ganz nach einer Competition über menschliche Beziehungen…

Es gab jedoch jemanden in der Agentur, der schneller bei den beiden Streithähnen in den Stallungen gewesen war als der human Relativierte: Stallmeister AD Björn Karnebogen!
Als Adam Positas auf den Ort des Geschehens zueilte, stand AD Karnebogen bereits mit der Gerte im Anschlag vor den beiden und peitschte: »In einer Zunft muss es immer Leute geben, die die Drecksarbeit machen. Es reicht nicht aus aufzusteigen, man muss auch Steigbügelhalter einarbeiten können. René, wenn du auf die Position von Julian neidisch bist, dann löst das bitte wie echte Agenturknechte in einem martialischen Brainstorming-Wagenrennen! Das Briefing dafür gebe ich euch stante pede: Welches irrationale Wesen will am Morgen vier ausgearbeitete Ideenansätze, am Mittag nur noch zwei und am Abend schließlich doch dr…«
»DER KUNDE!«, schallte es ihm unisono von Architect und Designer entgegen.
»Ok, einigen wir uns auf ein Unentschieden! Das heißt wie im Boxen, das der Champion Champion bleibt!« stellte der AD fest. »So ist das nun mal: Biste oben, bleibste oben. Biste unten, bleibste unten!«
Der gute AD mochte René in diesem Moment vielleicht an einen despotischen Willkürherrscher erinnern, der bleibenden, weil willkürlichen Eindruck bei ihm hinterließ. Denn er wich unwillkürlich vor dem Art Director zurück. Dann warf er Julian, der weiterhin mehr Freunde bei Facebook hatte, einen dislikenden Fedehandschuh mit der gedrechselten Worthülse „Degoutanter Gourmand!“ zu, drehte sich auf seinen Pfennigabsätzen um und verließ die Agentur-Arena wie ein weich geprügeltes Schnitzel.
Julian Kaiser schnaubte erleichtert auf, nachdem der geschlagene Konkullege verschwunden war.
Das war kurz vor knapp gewesen. Fast hätte er seine Pole Position verloren. Und dann noch aus dieser Höhe…
Bei dem Gedanken an eine Herabstufung, die durch das greise Eingreifen von AD Karnebogen verhindert wurde, bekam er Höhenangst und Schwindsucht.
Zittrig kletterte er die Hierarchie herunter und wusch sich die schmutzigen Hände in Geschirrspülmittel. Geschirrspülmittel? Geschirrspülmittel!
»Sorry seems to be the hardest word!«, flötete er mit geschürzten Lippen. »Aber Sie kennen ja die Befehlskette.«
Natürlich hätte es AD Karnebogen brennend interessiert, warum dieser Streit unter Deckhengsten so eskalieren konnte. Doch er spürte instinktiv, dass Julian darüber demnächst ein Status-Meeting einberufen wird. Deshalb richtete er seinen Blick auf das Organigramm, das dieser gerade gestaltete.
»Die Darstellung sieht kompliziert und komplex aus«, lobte er den Information Architect.
»Ja, ne? Da blickt hoffentlich keine Sau durch!« Julians silbriger Blick strahlte voller Inbrunst auf. »Es war einfach, die Unternehmensstruktur zu verkomplizieren, wegen den ständigen, sinnfreien Neuorganisationen und den weitverzweigten, zwielichtigen Verbindungen.«
»Geht so!«, lobte AD Karnebogen ihn im Brustton der Ambivalenz. »Mit dem Organigramm ist unsere Agentur auf jeden Fall für die Zukunft stigmatisiert und gezeichnet«, fügte er läuternd hinzu.

Es wurde Feierabend und Julian Kaiser ritt von der Agentur BDSM auf dem Datenhighway nach Silly-Köln-Valley. Dabei ging ihm der agaçante Auftritt von René nicht aus dem Cache.
Was sagte die Facebook-Freundesliste überhaupt aus? Sicher nichts wichtiges, sonst hätte René sich nicht derart unmöglich verhalten.
Julian stupste. Abrupt zog er an den Zügeln.
„Ist das denn die Possibility?“, fragte er sich verblüfft.
Er glaubte, seiner irrlichternden Aufmerksamkeit nicht trauen zu können. Denn eine entfernte Facebook-Freundin, Alina Iacta aus Estland, die er natürlich noch nie in Natura gesehen hatte, stand doch tatsächlich leibhaftig in weißen Moonboots vor ihm auf dem Standstreifen.
Ungefiltert, unscharf und unkomprimiert – ohne jegliche digitale Bildbearbeitung erkannte er sie trotzdem und war nun schlagartig ganz anders im Bilde über sie.
Was zu der Vorstellung eines Bildes nicht so recht passen wollte, war, dass dieses Trugbild tatsächlich in Echtzeit berechnet und in 3D war. Es war wie ein unerwarteter Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, die faktische Materialisierung einer bisher nur gedachten Entität. Für ihn war es immer nur ein virtueller Zeitvertreib gewesen: Liken, poken, posten, Leute adden. Das es diese Leute wirklich gibt, war ihm überhaupt nicht klar. Herr Kaiser fühlte nun zum ersten Mal in seinem Leben das, was er immer zu vermeiden wusste: Verunsicherung…