Als der ADC-Akut Awards verteilte

Die Crowd war hyper arouselt und aufgekratzt wie ein verschorfter Rücken!
Denn die Award-Show »Edler Tropfen« des ADC-Akut war spritziger als das Nachmittagsprogramms eines defizitären Swingerclubs. Fett aufgeplusterte Bretz-Sofas luden zum loungen ein, aus meterhohen Lautsprechern entfaltete sich ein dezent verfilzter Café-del-Mar-Sound-Teppich und in der Mitte der Entrance stand ein riesiger, goldener Tropfen, Trumpf und Trophäe dieses etablierten und angesehenen Awards, mit dem herausragend unverdauliche Werbung ausgezeichnet werden sollte. Vereinzelte service-orientierte Dienstleisterinnen gingen mit Tablets umher und reichten den Gästen Appchen und Herrengedecke.
In übersichtlichen Peer-Groups standen die Gäste herum und diskutierten, während sie auf die Award-Verteilung warteten, wie trockene Alkoholiker vor einer verwaisten Autobahnraststätte.
In der vorstädtischen Mehrzweckhalle, in dem das Event stattfand, standen Kaskaden brennender Weinfässer, vollgestopft mit abgelehnten, aber dennoch zündenden Pitch-Ideen. Ein arbeitsloser DJ scratchte pointiert-lässig jedes Mal einen Werbe-Jingle aus den glorreichen Achtzigern, wenn wieder ein Gast über den mit Praktikantenfellen ausgelegten Catwalk spazieren ging.
Drei gestandene Werber standen etwas abseits der Crowd und spekulierten darüber wer dieses mal für seine von ihm verbrochenen Kampagnen den edlen Tropfen eingeflößt bekommt.
»Wo ist der Deinhard?«, fragte Theo Dorant AD Karnebogen.
Der Art Director schüttelte das zwar geheimratgeeckte, aber ansonsten erstaunlich volle, nussbraune Haupthaar.
»Keinen Schimmer. Bis jetzt hab ich nur Fernet Branca gesehen und da drüben steht, glaube ich, Maria Kron. Aber ich bin mir sicher, dass wir noch andere bekannte Schnapsdrosseln sehen werden.«
»Alter Senator! Der ganze Bums hier ist doch Asbach!«, echauffierte sich Thorsten Henkel-Trocken. »Es würde mich wirklich, hicks, interessieren, was dieser, hicks, sogenannte ›Hicks‹ kostet.«
AD Karnebogen lächelte verständnisvoll bei diesem Auswurf von Henkel-Trocken. Denn nur wenn einem wirklich Gutes widerfährt ist das auch einen Award wert.
»Die haben doch alle keinen Mumm! Stößchen!«, prostete der AD den anderen zu. Heiterkeit machte sich breit. »Allerdings darf der ADC-Akut bei diesem Award auch nicht geizen. Auch wenns geil wäre. Ich schätze mal, dass nicht mehr als 12 Volumenprozent der Gäste ihre Mitgliedsbeiträge für den ADC-Akut auch wirklich löhnen, und die wollen für ihre Projekte auch ne Auszeichnung bekommen.«
Theodora Dorant stieß zu den Männern. Die Dame war ›mal eben bei Villeroy & Boch‹ gewesen…
»Ihr glaubt ja nicht, wie es in der Keramik aussieht!«, zwitscherte Theo Dorants Frau Theodora.
»Da möchte man am liebsten mit Gallonen von Essigreiniger drüberwischen«, setzte Theodora noch einen Schoppen drauf.
Theo sah sie mit rot geäderten Augen an.
»Also mir gefallen unsere braunen Teppichfliesen«, schwadronierte Theo Dorant. »Ich hoffe nicht, dass du unseren ›Hochsitz‹ jetzt auch noch reinigen willst?«
»Schmutz reflektiere ich wie ein Spiegeltrinker!«, gab Theodora kryptisch zurück.
Eine prekäre Arbeitskraft, im schick-nuttigen Hostessenoutfit, huschte zu ihnen und offerierte Nachschub an Hochprozentigem. Während Theo und seine Prosecco-selige Frau beherzt zugriffen, schüttelten der AD und Thorsten Henkel-Trocken die Köpfe.
»Ich kann diesen billigen Fusel nicht mehr sehen «, sagte Henkel-Trocken.
»Mir wäre eine Ganzkörper-Desinfektion mit reinem Ethanol jetzt auch lieber«, schmunzelte der enthaltsame AD.
Immer noch füllte sich die Entrance wie ein Weinglas bei einer Verköstigung an der Mosel.
»Da ist ja der Spiritus Rector von Dujardin & Martin«, bemerkte Theo.
Der AD runzelte die faltenfreie Stirn. Spiritus Rector Jean-Remy Martin stand nur wenige wankende Schritte von ihnen entfernt und sonnte sich in dem fragwürdigen Glanz, der von seiner roten Birne abstrahlte. Alles nur Bluthochdruck wie man munkelte. Allerdings hatte er die größten Chancen auf den Alco-Pop-Nachwuchs-Award für die Verführung adoleszenter Zielgruppen.
»Wann fängt der, hicks, ADC-Akut, hicks, denn endlich mal mit dem awarden an?«, fragte Henkel-Trocken. »Ich krieg langsam Hüngerchen.«
AD Karnebogen pustete in einen Alkoholtester. Man hatte sie für 3 Promille herbestellt, inzwischen war es kurz vor 4 Promille.
Der »Edle Tropfen« ließ weiter auf sich warten…