Geschäftsreiseerinnerungen eines handlungsreisenden Art Directors
von AD Karnebogen

Als wir auf das Kreuz Hilden zufuhren und den Blinker setzten um die Autobahn A3 zu verlassen, entfalteten sich vor uns die majestätisch-schorfigen Lagen Nordrhein-Westfalistans. Mein treues Faktotum Horst Horst wies mich gastritisch gestikulierend darauf hin, dass sich direkt hinter der Autobahnausfahrt ein generisches Industriegebiet befindet, welches bereits im Pleistozän des Computer-Zeitalters von ersten Internet-Pionieren besiedelt wurde.
»An diesem Ort wird noch dem merkantilen Kult der New Economy gehuldigt.« erklärte Horst Horst.
»Was wollen die denn noch huldigen?« fragte ich entgeistert.
»Ich habe keinen blassen Schimmer.«
»Vielleicht einem visionären Businessplan?«
»Man hat hier zwar einen guten Ausblick, aber Visionen… Ich weiß nicht.«
»Dann vielleicht einem vielversprechendem Start-up?«
»Die vorsintflutlichen Aufzeichnungen in der verloren gegangenen Sprache der „Flash“ sind heute kaum mehr zu entziffern. Die Zeichen waren einfach zu proprietär. Die mündliche Überlieferung besagt allerdings, dass hier einst Neugründungen mit viel Venture Kapital zu finden waren.«
»Das Kapital scheint mir komplett in den Sand gesetzt worden zu sein. Die grüne Wiese ist ja komplett zubetoniert und nachversiegelt.«
Ich hörte die Schmatzgeräusche der lunchenden Entrepreneure von der nahegelegenen Autobahnraststätte und bemerkte, daß das Industrieareal kaum mehr Unternehmen fassen würde: es platzte wie Beth Ditto aus allen Nähten. Wir übergaben uns und parkten unser Stahlross vor einem der ansässigen Unternehmen. Auf dem Parkplatz, welcher zu demselben führte, stand ein imposantes Industriedenkmal bestehend aus drei ineinander gewundenen, allegorischen Standbildern: Die verführerische Figur „Design“ wurde von der voluminösen Plastik „Technik“ umschlungen und von der schneidigen Statue „Mammon“ umgarnt. Auf dem mächtigen Sockel saß der Multimedia-Messias und HTML-Heiland Hans-Günther Haschmich und meditierte mit einer Vielzahl von externen Dienstleistern und Freelancern, die in ehrerbietiger Haltung und gebührenden Abstand vor ihm den Kotau machten.
»Dieses Mahnmal zu Ehren der New Economy ist heilig.« wisperte Horst Horst mir tröpfchenweise ins Ohr, »Es kündet von den sagenumwobenen, aber längst vergangenen Tagen des Neuen Marktes, einem heidnisch-merkantilen Ritus der letzten Jahrtausendwende. Nur die Hohepriester der digitalen Einkehr, der HTML-Heiland und die ordinierten Praktikanten dürfen vor dieser Weihestätte in stiller Andacht verweilen. Mutier also bitte nicht zum Gustl, wenn wir für sie unwürdig erscheinen mögen!«
»Die lokalen New-Economy-Gebräuche werde ich achten.« antwortete ich unbedarft.
Als wir uns näherten, gab der HTML-Heiland den umstehenden Freelancern einen unmerklichen Wink auf dem Touchpad, dass sie Platz auf der Partition schaffen sollen, damit wir zu ihm geladen kamen. Er erhob sich in gemächlicher ISDN-Geschwindigkeit, kam uns die letzte Meile entgegen und reichte uns die von Downloadexzessen wund gewordenen Hände.
»Willkommen AD Karnebogen und Anhang! Nehmt Platz an meiner fragmentierten und defragmentierten Partition!«
Mein Ruf muss mir voraus geeilt sein, da er mich bei meinem Namen nannte. Ein echter Seher, dachte ich, oder einfach nur ein Stalker in den sozialen Medien. Er wies meinem Anhang Horst Horst die fragmentierte Partition „A“ zu, sodaß mir die defragmentierte Partition „D“ blieb. Ich setzte mich auf den geräumigen, aufgeräumten Speicherplatz, ohne daß ich bei einem der anwesenden Digital Natives den geringsten missgünstigen Fingerzeig darüber bemerkt hätte. Wie sehr stach ein solch gastfreundliches Verhalten gegen dasjenige ab, welches man bei klassischen Agenturen zu beobachten hat…
»Jeder Gast der unser Ballungsgebiet kreuzt, muss dem Heiligtum seine Ehre erweisen und ein Opfer erbringen.« forderte der Haschmich.
»Ja, eure Heilandigkeit,«, antwortete ich, »wir bieten euch unsere unwürdigen Visitenkarten als einfaches Gastgeschenk an.«
»So sei es. Und damit ihr nicht leer ausgeht: Hier ist meine Karte.«
Der Multimedia-Messias überreichte mir seine opulente Karte im Austausch gegen die bescheidene meine. Ich befingerte eben jene umgehend und erspürte ihre erlesene Qualität. Sie war aus handgeschöpften Büttenpapier gefertigt und mit dem Geld geschröpfter Anleger gedruckt worden.
»Wir wollen eurem morgendlichen Statusmeeting beisitzen und eurer Andacht lauschen.« networkte ich.
»Ich bin der Multimedia-Messias und HTML-Heiland,« begann dieser seinen Sermon. »Für alles andere gibt es MasterCard®. Ich werde euch deshalb auch keine extra Gebühren anrechnen lassen, denn das wäre höchst lästerlich.«
Auch das war eine Bescheidenheit, welche bei den großen Agenturketten undenkbar gewesen wäre.
»Visa!« entgegnete ich, »Das Leben nehm‘ ich mir, sagt so mancher Underperformer, aber nicht wir!«
Der Multimedia-Messias erhob und kraulte sich in seinem ausladenden Schritt. Während ich mich kontemplativ-ostentativ im Schneidersitz verschränkte um der frohen Botschaft des Heilands besser lauschen zu können, bemerkte ich im toten Winkel eine soziale Bewegung unter den Freelancern. Die Project Manager unter ihnen blieben wie EU-subventionierte Bauern auf ihrer Projektscholle stehen, die Praktikanten praktischerweise Gewähr bei Fuß bei den Kaffeemaschinen; die Designer aber gingen und knieten nun vor dem Denkmal. Die Gestaltungs-Eliten der Digital-Agenturen, Kreativ-Kanzleien und Bürogemeinschaften bildeten einen klebrigen Kokon um den HTML-Heiland, welcher die Businessplan-Bibel aufschlug um ein Gleichnis aus dem 1. Buch Jobs vorzutragen, wo geschrieben stand:

„Dereinst wirkte ein Mann im tiefen Tal des Silikons unweit der Stadt der Engel, der da hieß Jobs. Derselbe war Gründer, Innovator und mied die große Hure Windows wie andere nur Pepsi-Cola. Er zeugte mit seiner Firma vier Produktlinien, die da wären: iMac, iPod, iPhone und iPad. Und durch ihn schrieb der heilige Geist ein Betriebssystem, dass getauft wurde auf den Namen OS X. Und siehe, es ward gut. So mehrte sich sein Vermögen wunderhafter als das eines Immobilienmaklers auf einem angespannten Wohnungsmarkt. Sein prächtiger Hof wuchs um vierhundert Retail Stores und diese hatten viel Gesinde; und er war selbstherrlicher denn alle, die gegen Morgen arbeiteten. Seine Brüder, die ihm nachfolgten, telefonierten und machten einen Deal, ein jeglicher in seinem Büro auf seinem Telefon, und sandten hin und luden den verdrehten Doktor mit ihnen zu lunchen und zu dealen, um ihn zu überbeaten. Und als der Tag des unheilvollen Deals sich lichtete, zürnte Jobs und machte sich des Morgens früh auf und erschien den Frevlern nach ihrer aller Zahl; denn Jobs gedachte: Die, die mir nachfolgten, hörten nicht und sündigten. Sie schwörten in ihrem Eifer dem reinen Quelltext ab. Also tat ich meinen Jobs allezeit.“

Es machte sich eine erleichternde Ruhe breit wie nach einer ausgedehnten Session progressiver Schließmuskelrelaxation. Auch das war ganz verschieden von dem hektischen Treiben, welches man sonst bei kreativen Hallodris kurz vor der Deadline zu sehen gewohnt war. Das Gleichnis brachte alle zum Grübeln. Bedeutete das nun, dass ein erfolgreich wegkomplimentierter Chef zurückkehren kann und als Wiedergänger sein Unwesen zu beginnen treibt? Oder waren hier ganz andere Aspekte verborgen, die elaboriert zwischen den Zeilen codiert lagen? Niemand wusste es so genau… Doch nach einiger Zeit, in welcher die Designer den Project Managern das Briefing vom Multimedia-Messias mit der stillen Post überbracht hatten, ging das Meeting ohne weitere Tagesordnungspunkte auseinander, und ein Jeder begab sich wieder an seinen Arbeitsplatz, um seine Arbeit dort wieder zu unterbrechen, wo sie aufgenommen wurde.
Der Haschmich kraulte zu uns zurück.
»Ein wahrlich erbauliches Briefing. Vor allem im Mittelteil!« ereiferte ich mich.
Der HTML-Heiland zückte seinen Laserpointer raus und deutete auf eine Peer-Group von renitenten jedoch rentablen Freelancern, die gerade begannen die Autobahnauffahrt emporzustiefeln, auf der wir vorhin heruntergebügelt kamen.
»Das sind Digital Natives aus Düsseldorf, welche die höheren Weihen der Werbung in vollen Zügen genießen, bevorzugt im ICE in der Rush-Hour. Sie müssen uns leider schon verlassen, um ihren Zug noch zu kriegen. Der Pfeil der steigenden Kurse wird ihnen den Weg weisen.«
»Das ist ein schöner Zug, wir müssen nämlich auch los. Ist schon spät geworden, nicht Horst Horst?«, unterbrach ich die peinliche Stille.
»Ja, der Herr AD hat recht. Wir müssen jetzt leider weiter.«
»Ihr kommt aber mal wieder, oder?«, wollte der Haschmich wissen. »Über eine Anrufung würde ich mich auch mal freuen!«
»Na sicher, machen wir. Klar wie Kloßbrühe. Da passt kein Bibelpapier dazwischen. Wird schon. Läuft.«, mäanderte ich herum.
»Versprecht ihr mir das?«
»Jaha!«
»Glaub ich nicht!«
»Do-hoch!«
Wir fuhren, halb erleuchtet und halb erleichtert, von dannen, der HTML-Heiland hinter uns winkend und immer kleiner werdend, wieder der Autobahnauffahrt entgegen. Es war eben ein Kreuz mit diesem Hilden…