Als aus Zweien Eins wurde

AD Karnebogen musste auf Brautschau gehen! Besser gesagt, er selber musste zur keuschen Braut werden, die sich mit allerlei Flitter und Geschmeide aufhübschte um ihre Haut zum Hochzeitsmarkte tragen zu können, denn die Miete bezahlte sich schließlich nicht von selbst und überhaupt.
Eine eingeschaltete Heiratsvermittlerin hatte dem hergerichteten AD bereits ein Date mit einer vielversprechenden Partie vermittelt: Rudolf Rödel hieß der Gute. Gewisser Rödel entpuppte sich als Vertriebler für saisonales Reis-Wurfmaterial. Beide kamen bei ihrem Techtelmechtel schnell zu dem Ergebnis, das auf Hochzeiten zuwenig Reis geworfen wurde.
Die aktuelle Hochzeitswerbung vernachlässigte schon seit Jahren sträflich die Vielfalt des Reises: Langkorn, Kurzkorn, Doppelkorn … alles wunderbare Reissorten mit den mannigfaltigsten Geschmacksnuancen und aerodynamischsten Eigenschaften.
Das Problem war, das gerade die Blumenkinder wenig Reis warfen und einwarfen. Snacks wie Snickers, Smacks oder Smarties werden von den kleinen Rackern vernichtet, als gäbe es kein Diabetes Typ 2. Aber leider kein Reis. Und nichts wünschten sich die beiden fertilen Turteltauben mehr, als konsumfreudige, propere Kinder …
Zurück in der Agentur entledigte sich AD Karnebogen des Flitters und berief seine Agentur-Schar zum unit-übergreifenden Ideenbrainstorming ein.
„Hat jemand innovative Produktideen rund um das Thema ‚Reis‘ zum besten zu geben?“, eröffnete AD Karnebogen prompt und ohne Vorwarnung die Runde.
Konsterniertes Schweigen erfüllte den Konfi, als hätte ein vakuumierter Parboiled-Beutel plötzlich Basmati inhaliert. Auf Lunge.
Der AD wurde ungehalten. „Ideen, bitte!“, brach er das peinliche Schweigen.
„Wie wärs mit ‚reistella‘?“, stammelte Art Directrice Beate Schütz nach kurzer Bedenkzeit zögernd. „Das könnte Nuss-Nougat-Creme mit Reiskörnern sein.“
„Gut, gut. Weitere Ideen? Versucht lateraler zu denken!“, beantwortete der AD diesen ersten Vorschlag.
„Ich hab’s: Reis-Reis-Baby!“, schlug Agentur-Factotum Horst Horst vor. „Das könnte ein Schwangerschaftstest auf Reis-Basis sein: man isst zweimal hintereinander Reis und wenn dann der Bauch dick wird, weiß Frau bescheid.“
„Ich zieh hier mal die Reissleine. Diese Ideen sind mir alle viel zu generisch. Mit einem Wort: Scheiße!“, fluchte AD Karnebogen zunehmend ungehaltener. „Das kann doch alles nicht so schwer sein. Ihr müsst doch nur ahnen, was ich am besten finde und das ist dann auch das, was die Zielgruppe geil findet. Vielleicht.“
„Wir müssen also erraten, was Sie wollen, aber selbst nicht einmal ausdrücken können und dann soll das auch noch deckungsgleich mit irgendeiner nicht-definierten Zielgruppe sein?! Das macht die Ideenfindung natürlich ungemein leichter.“, gab Horst Horst spitzfindig von sich.
„Einer Idee ist es egal, wer sie hat! Und am Ende steht sowieso mein Name unter der Ideenpräsentation. So!“, respondierte AD Karnebogen resolut.
Teamarbeit hatte sich das Team nun wiederum ganz anders vorgestellt und wurde jetzt erst recht bockig.
„Mir ist aber nicht egal, wer hier Ideen hat!“, schrie Agentur-Prokurist Analbert Polinsky entrüstet in die Runde.
„Wie gut das keiner weiß, das er Analbert Polinsky heißt!“, riefen nun alle im Chor und feixten herum wie eine Gruppe Sparkassen-Angestellter beim Betriebsausflug in Darmstadt.
„Mein Dozent hat früher immer gesagt, die beste Idee ist sowieso immer die, die man selber hat!“, sagte Beate Schütz.
„Dozent, Prozent, gar kein Cent! So sieht’s nämlich aus: gar kein Cent! Ich werde euch heute alle ohne euren Tageslohn ins Bett schicken, damit das klar ist!“, gab AD Karnebogen dünnhäutig zu verstehen.
„Was poltert der denn hier rum …“, hörte man es murmeln.
„Ach Menno, das liegt alles daran, dass sie uns kein Briefing gegeben haben. Das ist unwegdenkbar, ohne dem geht es nicht. Hast du’s nicht, schämst du dich!“, knittelreimte Flash-Programmierer Furunkel-Frank.
„Briefing! Wenn ich das schön höre! Das wird total überbewertet.“, plusterte der AD sich auf. „Braucht kein Mensch! Ich will nur Ideen von euch haben!“
„Lieber AD, nun muss ich wohl leider den Adlatus diaboli spielen.“, versuchte Horst Horst die Lage zu klären. „Aber meine Kollegen haben natürlich recht. Sie haben uns bisher nur Ihren Wunsch kund getan, aber sicher kein Briefing gegeben. Wunschdenken kann ein Briefing leider nicht ersetzen.“
„Informationen sind der Steinbruch aus dem Ideen entstehen und nicht Forderungen. Druck ist für einen Ideenfindungsprozess, wie Kalorien für Anorektiker: pures Gift!“ schob Art Directrice Beate hinterher.
„Wie gut das keiner weiß, dass ihr alles Arschlöcher seid! Ihr verwechselt hier eindeutig den Grund mit der Ursache!“, erwiderte der AD sichtlich bewegt.
„Sie sind doch sonst nicht so eine zarte Jungfer, die man vor den Traualtar zerren muss, lieber AD. Was ist denn los?“, wollte der treue Adlatus Horst Horst wissen.
„Ich will! Ich will! Ja, ich will! Ideen von euch!“, antwortete der AD trotzig. „Um den heiligen Bund zwischen uns und dem Kunden zu schließen, müssen wir ihm erstmal unsere Mitgift präsentieren. Und das sind nun mal Ideen.“
„Und Sie müssen uns ein Briefing geben.“, forderte Horst Horst. „Ohne ein Rezept gibt’s auch keinen Hochzeitsschmaus. Aus den Zutaten basteln wir dann ein Gericht zusammen. Und wenn’s uns allen schmeckt, dürfen Braut und Bräutigam auch probieren und ihren Senf dazugeben.“
„Eigentlich brauchen wir nur zwei Zutaten…“, grübelte der AD. „Es ist wie auf einer Hochzeit: Wir müssen zwei Dinge miteinander verbinden. Reis und Snacks!“
„Zwei Zutaten zusammenbringen. Reis und Snacks.“, resümierte Horst Horst.
„Ok, wie wärs mit Reis und GiOTTO?“, schaltete Art Directrice Beate Schütz blitzschnell. „Ich nenne es mal: RiSOTTO!“
„Rigoletto habe ich immer gerne gehört!“, kommentierte unvermittelt Dr. Gerd Grenzer, das schwerhörige Agentur-Urgestein.
„Nein, nein, RiSOTTO! Das sollen kleine Reiskugeln sein, die man zum Verdauungskaffee einwirft.“, erklärte Beate. „Die Kids und die anderen Hochzeitsgäste sollen nicht nur Reis einwerfen, sondern gleich noch Kaffee hinterherschütten. Wäre ’ne geile Cross-Promotion!“
„Wie wäre es mit …“, dachte Horst Horst scharf nach. „Basmati und Smarties? Also sozusagen ‚Basmarties‘? Bunt schokolierte Reiskörner in einer Rolle. Die kann man der Braut dann schön an den Kopf knallen!“
„Wahrlich, das nenne ich Inspiration! Ihr habt mir gerade den beglückendsten Moment in meinem Agenturleben geschenkt!“, jauchzte AD Karnebogen frohlockend. „Ihr dürft die Braut jetzt küssen. Mit Zunge.“