Die drei ###

…kommentieren jeden Scheiss

Ein schrilles Klingeln zerriss die morgendliche Stille auf dem Computerfriedhof „Zentralrechner“ außerhalb des sozialen Frameworks. Hierhin hatte man seit jeher alle selbsternannten Social-Media-Experten verbannt. Mit ihren viralen Aktionen und ansteckenden Kampagnen waren sie eine latente Gefahr für fitte User und so mussten die SM-Experten am Rande der Gesellschaft ihr Dasein fristen. Das war nur fristgerecht.

Es klingelte abermals. Langsam regte sich Leben zwischen kaputten Tastaturen, abgewrackten Platinen, Gehäusen und Mäusen in der Gravis-Gruft. Eine übermüdete Hand griff zum Handyhörer. „Ja? Hallo? #enning hier von den drei Hashtags!“

„Ich hab ein neues Briefing für euch!“, instruierte eine männlich-markante Stimme am anderen Ende der langen Leitung.

„AD Karnebogen sind Sie es? Wie kann ich Ihnen helfen? Einen Moment, ich wecke noch #ugo und #elge!“

#enning, #ugo und #elge waren drei doppelqualifizierte Freelance-Outlaws, weil dreifach zweifach sechsfach ist. Ihr Zeichen: Mittel- und Zeigefinger der linken Hand ausgestreckt und senkrecht über die waagerechten, ausgestreckten Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand gelegt. Ihr Motto: Sie kommentieren jeden scheiss. Ihr Spiritus Rector: AD Karnebogen. Sie waren: Die drei ###

„Ich brauche eure Sozialhilfe. Eure Soziale-Medien-Hilfe!“, erklärte AD Karnebogen. „Kommt kurz vorm Sonnenuntergang zur Biegung des Stroms zu einem Kick-Off-Meeting, da erfahrt ihr mehr!“ Krck. Aufgelegt.

AD Karnebogen ließ den Hörer und sich entspannt in einen ergonomischen Sitzball fallen. Er hatte heute Morgen bereits ein konspiratives Treffen mit einem potentiellen Kunden hinter sich. Es ging um Infiltration, Unterwanderung und Google Maps…

***

Es goss in Strömen. AD Karnebogen twitterte leise vor sich hin, während er zur Biegung des Stroms hinunter wanderte. Er war bis auf die Unterhose durchnässt. Ächzend schüttelte er die Glieder. Warum hatte er keine Videokonferenz anberaumt, obwohl sich schon datenbeschwerte Clouds am Himmel zusammengespeichert hatten, als er zum Meeting-Point aufgebrochen war?

Der AD verdrehte die haselnussbraunen Augen. Und warum hatte er nicht mit dem Briefing gewartet, bis der Kunde die Auftragsbestätigung geschickt hatte? Lernt er es denn nie? Aber mangelnde Impulskontrolle und Awareness hatten ihm mal wieder einen Abstrich durch die Rechnung gemacht.

Unvermittelt prasselte ein wahres Cloud Computing nieder. Rasch schlüpfte AD Karnebogen unter einen aufgespannten Avira-Regenschirm, der ihm wenigstens ein bisschen Virenschutz bot. Er stellte den kompentenzsuggerierenden Tornister ab und schlug hemdsärmelig den Kragen seines Blousons hoch. Wahrscheinlich würde er sich nun auch noch ein unnötiges Update einhandeln. Dieses Jahr war in Colonia Claudia ziemlich viel soziale Kälte zu spüren. In den besseren Reichenghettos lag sogar noch vereinzelt kolumbianischer Schnee auf den kupierten Vorgärten.

Durchnässt strich der AD eine Strähne seines braunen Haupthaares aus der Denkerstirn. Es war wirklich crazy gewesen, bei dem Wetter keine Wetter-App konsultiert zu haben. Noch crazyer war es gewesen, kein saubereres Zeitfenster als „kurz vorm Sonnenuntergang“ und treffenderen Meeting-Point als „an der Biegung des Stroms“ zu nennen…

***

„Who is our Daddy? Ich meine: Wo ist der AD?“, hörte man #enning von den drei Hashtags in die offene Peristaltik rufen.

„Ja wo bleibt er denn?“, kommentierte #ugo. „Mit dem AD ist es ein Doppelkreuz! Nächstes mal erklären wir AD Karnebogen, das es sowas wie einen elektronischen Terminkalender mit Datum und Uhrzeit gibt.“

„Und Google Maps, wo man einen Treffpunkt mit einem Fähnchen markieren kann.“, setzte #elge nach. „Dann brauchen wir auch nicht so sinnlos unser Fähnchen in den Wind zu hängen, wie jetzt gerade.“

Sie warteten vergeblich. Der AD war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.
Das einzige Zeichen, das noch im Raum hing, als die drei ### endlich wieder in ihre Gruft hinabstiegen, waren drei ???