Denn auch Management und Controlling haben Geheimnisse voreinander

»Die Zahlen sind wunderschön«, meinte der mittelalte Manager Marvin Michael Munz murmelnd.
AD Björn Karnebogen grimassierte. »Du meinst deine frisierten Quartalszahlen?«, insistierte er.
»Ja, das ist mein kreatives Alleinstellungsmerkmal: kreative Buchführung«, respondierte Marvin.
AD Karnebogen schüttelte missbilligend sein glänzend-gewelltes Haupthaar.
»Ich habe mich um die Agentur im letzten Zeitfenster nicht mehr gekümmert, lieber AD, sondern eigentlich immer nur Geschäftigkeit simuliert.« explizierte Michael. »Ich hatte keinen Bock, mich ums Tagesgeschäft zu kümmern und hab dafür lieber an den Zahlen und mir herumgespielt.«
Marvin Michael Munz hatte in Trend-Town Tangermünde die Event-Agentur „Incestive Inc.“ erfolgreich in den anhaltinischen Elb-Sand gesetzt.
Der AD stalkte den Manager unauffällig. MMM, wie er auch in informellen Kreisen genannt wurde, war ein eitler Beau, dem man ansah, wie er seine Quality-Time verbrachte, nämlich draußen in der freien Wirtschaft, bei Hausse und Baisse. Sein khakifarbenes Haar war bis in die Spitzen mit Alpecin imprägniert, die Haut ledrig sonnenstudiobraun, und um das schiefe Haifischlächeln herum hatte er bereits eine Corona gehässiger Fältchen, die seine verblendeten Veneers noch strahlender erscheinen ließen. Die Äuglein waren das Auffälligste an seiner gelifteten Front: Aschfahl und rot geädert waren sie, und ihr eigentümlich trüb-tumber Blick hatte auf dieser After-Work-Party nicht wenige Business Angels und Venture Capitalists mächtig irisiert. Marvin war außerdem Choleriker, mit sinistrer Monobraue, grünem Schaum vorm Mund und manierierten Fingern, denen man ansah, dass er Mails nur diktieren konnte, aber nicht selber tippen.
Als Mitte Zweiundvierzigjähriger war er mit seinen Geschäftspartnern in das integre Industriegebiet kurz vor T-Town – wie MMM Tangermünde nur halb im Scherz selber nannte – eingezogen und seitdem nie mehr für längere Zeit außerhalb der grünen Wiese gesichtet worden. Er liebte sein Office und seine Kollegen, aber ihm war auch immer eine brennende Sehnsucht nach einer geistig-spirituellen Fortbildung geblieben. Einmal ausbrechen aus dem Trott und verrückt sein. Vielleicht eine Studienreise ins Phantasialand oder in den Ashram nach Legoland machen? Wer weiß? Vielleicht überkommt ihm ja dort die Erleuchtung einer Osram-Sparlampe. Nun war er mal rausgekommen, um eine finale Entscheidung zu treffen, wie er sein künftiges After-Work-Life verbringen wollte. Für diese Entscheidung hatte er sich selbst ein paar Minuten Bedenkzeit »in der analogen Welt« eingeräumt.
»Ich dachte eigentlich, dass du längst den Squeeze-Out vorbereitet und vielleicht schon Tochterfirmen gegründet hättest«, sagte der AD in die nun entstandene seltsam peinliche Absenz von Geräusch hinein.
MMM lächelte haifischig. »Mir war immer klar, dass ich erst die Unternehmensbilanz mit viel Gel und Pomade toupieren müsste: Wie weit könnte ich den Agentur-Bums aufblasen? Wen kann ich übervorteilen? Was kann ich rausquetschen? Diese Fragen habe ich mir gestellt. Man sollte nicht andere hinter die Fichte führen, wenn man selbst noch nicht dahinter gestanden hat, finde ich.«
»Und jetzt warst du hinter der Fichte und willst irgendeinen Investoren-Hänsel oder irgendeine Business-Gretel in den finsteren Wald locken?«, fragte AD Karnebogen indirekt.
Marvin simulierte die Gelassenheit einer stämmigen Eiche. »So wie ich hier stehe! Wo versteckt man am besten eine Fichte? Im dichten Wirtschaftswald. Und wo verstecken sich die dichten Wirtschaftsmänner? Hinter dem Fichten-Tresen. Wenn ich dem potentiellen Investor den Bären aufgebunden habe und der sich im Unterholz der AGBs verliert, dann esse ich die ganzen Breadcrumbs auf und er wird hoffentlich keinen Link mehr aus dem Dickicht zurück finden.« Er machte einen weitschweifenden Delay. »Empfänglich für märchenhafte Zahlenwerke und beschränkt wie zehn Meter Feldweg sollte er sein. Dafür geh ich sogar die Extrameile.«
»So stellst du dir den potentiellen Investor vor, dem du die Venture-Asche aus der Brust leiern möchtest?«
»Exaktamente.« Marvins feuchtfröhliche Augen fingen an zu tränen, als er hinzufügte: »Im Universum geht ja nichts verloren. Der Schotter wandert ja nur von einer Kiesgrube in die andere, nämlich die meine.«
»Du bist ja gar nicht am socializen, Marvin Michael!«, kreischte unvermittelt Marvins Controllerin Deborah Schulz dazwischen, die sich zu den beiden gesellte, denn sie waren alle Gäste auf dem YING-Business-Treff, dessen User zur jährlichen »Pink-Slip-Party« geladen hatten.
»Wieso tanzt du nicht ums goldene Kalb?« setzte Debbie energisch nach. »Marvin Michael Munz, wie willst du erfolgreich networken, wenn du hier nur dumm rumstehst, stundenlang mit AD Karnebogen chattest und keine wie auch immer geartete Akquise betreibst?«
»Du hintertreibst, Debbie«, versuchte der AD zu schlichten. »Höchstens seit viertel vor eben stehen wir hier. Mach dir keine Sorgen, wir haben extra unsere Visitenkärtchen in den Turnbeutel gepackt. Guck mal hier, das ist die Karte die ich für Marvin Michael designed habe.« Sie holten beide pflichtschuldigst ihre Kärtchen aus den ausgebeulten Hosentaschen und präsentierten sie ihr stolz. „Mit Goldprägung und Wasserzeichen. Ganz was edles, das macht Eindruck bei den Chicas und CEOs.«
»Marvin Michael, wieso steht denn auf deiner Karte ›CEOchen‹?«, erkundigte sich Debbie zusehends ungehaltener. »Muss ich dir wirklich immer alles hinterhertragen und vorschreiben?«
»Ja, Debbie.«, stammelte Marvin ertappt.
»Erst deine chaotische Buchführung, die ich immer gerade bügeln muss, und jetzt dieser falsche Titel. Du lernst es wohl nie, oder?«, enervierte die Controllerin. »Du bist kein CEO, dein offizieller Titel lautet immer noch ›Praktikant‹.«
»Aber ich werde doch der nächste CEO von unserer Agentur sein«, erwiderte MMM trotzig. »Außerdem hat der CEO mir, als ich Tabellenkalkulation gelernt habe, die ganzen Tricks und Short-Cuts gezeigt. Da haben die Kollegen doch schon gesagt: ›Die beiden sind wie CEO und CEOchen‹.«
»Marvin Michael Munz! Du kommst jetzt mit mir zurück in die Agentur, dann kannst du dem CEO selber erzählen, was für einen Titel du hast.« fauchte Debbie. »Und dann wird er dir mal zeigen wie Buchführung funktioniert und zwar doppelt.«