Soylent Green ist Praktikantenfleisch

»Das Briefing hat hoffentlich jeder kurz zwischen Tür und Angel ignoriert. Dann wollen wir uns jetzt gemeinsam im Brainstorming überlegen, wie es mit dem Projekt „Hartz, aber herzlich!“ weitergehen soll. Seid ihr d’accord?«
AD Karnebogen schaute erwartungsfroh auf die Praktikantenschar, die um den großen Meeting-Table der Agenturgruppe BDSM saß und sich gütlich tat an Red Bull und Soylent Green.
»Ich hab wie immer keinen blassen Schimmer, will aber trotzdem proaktiv wirken und schlage deshalb vor, nach Schema F vorzugehen. F wie Downsizing.«, gluckerte es aus Kevin Oblonka, steter Quell sprudelnder Ideen, hervor. »Das bedeutet mehr Arbeit für alle, aber zu geringeren Lohnkosten.«
Einen Moment lang blickten alle verdutzt von ihren Smartphones auf, dann verpasste Quirin Treiber dem F-Kevin einen verbalen Wirkungstreffer.
»Ich sag ja nicht das deine Lohnkosten jemals hoch waren oder hoch sein werden«, räumte er generös ein. »Aber downsizen kann echt nur so ein niederer Pixelknecht wie du.«
Es wurden teils zustimmende, teils ablehnende Kommentare getwittert, dass AD Karnebogen schließlich mit einem neuen Facebook-Eintrag intervenieren musste.
»So gern ich eure innovativen Vorschläge auch höre«, meinte er verbindlich, »wir müssen bei den Ideen auch aufs Budget achten. Und das ist, wie ihr bestimmt schon ahnt, wieder knapper als die Stützstrümpfe im Rentnerheim.«
»F***! Immer das Budget!«, entfuhr es Jessica Schober. »Was haltet ihr von Fluktuation?«, schlug sie vor.
»Fluktuation, Prokrastination!«, unterbrach Quirin Jessica. »Wir sind doch schon so wankelmütig, da fluktuieren wir sowieso den ganzen Tag.«
»Okay, wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit was Spannendem, was zum Spielen und Schokolade?«, versuchte der unbenannte Praktikant zu schleimen. »Das wären dann drei Maßnahmen auf einmal.«
»Drei Maßnahmen auf einmal? Das geht nun wirklich nicht!«, knurrte Quirin.
AD Karnebogen schaute auffordernd in betretene Gesichter. Ellis Schwarzer-Byte, die günstigste Fachkraft im Aufgebot, wollte sich nun auch konstruktiv einbringen.
»Wirklich nicht? Doch! Wir könnten in jedes siebte Ei einen Kostenfaktor outsourcen!«
»Nach dem Motto: Come in and find out? Ich outsource dich auch gleich mal. Aber auf links gedreht!«, twitterte Quirin.
Ellis Schwarzer-Byte schüttelte eklektisch mit ihrem Mobiltelefon.
»Outsourcing ist die Abgabe von Unternehmensaufgaben an externe Dienstleister.«, kommentierte sie. »Andere machen also unsere Arbeit und das auch noch für weniger Asche. Das finde ich echt geil.«
Beim letzten Wort war des ADs Interesse blitzartig geweckt. Aber auch die anderen im Konfi spitzten ihre Öhrchen.
»Und was machen wir dann eigentlich noch hier?«, wollte Jessica wissen. »Wir müssen doch auch auf schwieriger outzusourcende Kollegen Rücksicht nehmen, wie Furunkel-Frank, den Flash-Programmierer.«
»Das ist kein Problem«, erklärte Ellis. »Denn wen man outsourcen will, bleibt natürlich uns überlassen. Da werden wir für Furunkel-Frank auch noch etwas finden.«
Unter den Praktikanten wurde gehighfived bis zum Abwinken.
»Gibt es eigentlich auch Loser bei diesem Outsourcing?«, versuchte Jessica den juvenilen Heiterkeitsausbruch einzudämmen.
Ellis nickte eifrig.
»Aber sicher! Aber das sind ja glücklicherweise immer die Anderen«, wusste sie zu berichten.
»Und was ist mit den Lohnkosten?«, fragte Kevin Oblonka investigativ. »Die finde ich immer so kontraproduktiv.«
Ellis lachte sinister.
»Lohnkosten gibt es schon noch welche«, gab sie zurück. »Aber nicht solche, wie du meinst, Kevin. Die Lohnkosten sind nicht hoch. Weil sie gar keine richtigen Lohnkosten sind. Sondern sogar Steuervorteile, die wir wie Lohnkosten aussehen lassen.«
Wieder erhob sich allgemeine Heiterkeit wie es früher nur die Hindenburg schaffte.
»Glück für dich, Kevin«, zischelte Quirin zynisch. »Jetzt brauchst du dein Schema F, den Downsizer zu geben, wenigstens nicht mehr wahr machen, du Torfnase.«
»Erst Pixelknecht, dann Torfnase. Fick dich, du Arschloch, und zwar gründlich! Ich werd dir gleich zeigen, wessen Kosten ich senke und wessen nicht«, protestierte Kevin. Seine kleinen Praktikantenhände ballten sich zu kleinen Praktikantenfäustchen.
»Na, na, na! Wir sind hier nicht in Vulgarien, ihr Schwachmaten!«, intervenierte der AD energisch und dennoch beherrscht. »Wir gehen dann jetzt zum Voting über. Wer also dafür ist, dass wir es mit dem Outsourcing versuchen, soll die Hand zum heiligen Schwur heben.«
Vier Finger schnellten so eiligst hoch, als hätte jemand unerwartet Gehaltsschecks verteilt.
Nur Volker Bøml zauderte noch einen Moment. Aber als er das einhellige Gruppendenken der anderen sah, schloss er sich, der rückgratlose Olm, wenn auch widerwillig, an.
»Gut. Damit habt ihr also einstimmig gevotet, dass wir euch alle outsourcen«, erklärte AD Karnebogen. »Als Termin schlage ich nächsten Freitag vor. Das ist der letzte Tag vor dem Ende eurer Probezeit. Da bekommt ihr dann kurz vor Feierabend den Aufhebungsvertrag durch die Klotür geschoben. Und Urlaubsanspruch habt ihr dann auch keinen mehr.«
»Und wenn das Outsourcing bis dahin nicht klappt?«, wandte Zauder-Volker ein, doch Ellis verneinte reflexartig.
»Sowas geht immer ASAP«, versicherte sie. »Uns bleibt schließlich keine andere Wahl.«
»Wicked! Dann wären also alle d’accord«, resümierte AD Karnebogen zufrieden. »Bleibt lediglich die Frage, wer noch Soylent Green möchte. Die Praktikanten von letzter Woche müssen noch aufgezehrt werden.«
Diesmal waren es fünf gierige Wurstfinger, die sofort in die Tüte griffen …