Als die kognitive Dissonanz und des ADs Garderobe verschwand

Im Office der Agentur BDSM in Bonn-Ditsch herrschte der übliche freitägliche Hype, als AD Karnebogen den Milchaufschäumer anschmiss, einen Latte Maschinato aufschäumte und sich nach einem anstrengenden Tag etwas Me-Time gönnte.
Der Art Director blendete die Brainstormings, das Geschrubbel der Kollegen und die unablässig laufende Klospülung mental aus. Er ließ stattdessen die letzten Stunden vor seinem geistigen Auge Revue passieren, als er gegen Nemesis und Konkurrent Jean-Remy Martin bei einer Pannen-Präsentation antreten musste.

Ein schludriger Account Manager hatte ohne Korrekturlesen eine vor Rechtschreibfehlern strotzende PowerPoint bei der Präsentation für den Kunden „Bux-T-Hood – Feinripp mit Eingriff“ an die Wand gebeamt. Die Fehler waren dem AD intuitiv beim Querlesen aufgefallen, weil er doch so gut mit Wörters kann. Und das auch noch vor Jean-Remy Martin, der um den gleichen Kunden konkurrierte. Der absolute Wurst-Case-Fall!
Als der Account Manager seine peinlichen Fehler auch endlich bemerkte, fing er an zu transpirieren wie ein Rollmops auf dem Hamburger Fischmarkt, trollte sich beschämt auf die stille Treppe und hörte auf zu präsentieren.
Das war das Zeichen für Agentur-Rampensau AD Karnebogen!
Der AD sprang wie ein rostiges Klappmesser auf und zog mit einer überraschenden Intervention alle Aufmerksamkeit auf sich: Er riss sich Hemd und Hose vom Astralleib und präsentierte in Unterhose weiter!
Nach zwanzig Minuten ausufernden Redeschwalls war es dem AD gelungen, trotz des nicht zu entschuldigenden Fauxpas des Account-Eumels, den Kunden mit nur leicht verhüllten Tatsachen für sich einzunehmen, Jean-Remy Martin auf die Plätze zu verweisen und sich zuguterletzt auch noch eine Blasenerkältung zuzuziehen.

Als AD Karnebogen danach wieder in die Agentur zurückkehrte, musste er sich erst durch die Ovationen seiner Kollegen zwängen. »Nice Package, AD!« oder »Hasenpfote! Hasenpfote!« schallte es dabei vereinzelt aus dem Off.
Der bescheidene AD griff als anerkennende Replik höflich, aber beherzt, in seinen Schritt.
Agentur-Factotum Horst Horst kam auf Knien rutschend zu ihm herüber.
»Die kognitive Dissonanz der Situation durch Rationalisierungen zu entemotionalisieren und dadurch innere wie äußere Kohärenz zwischen Kunde und Agentur deckungsgleich herzustellen – das war eine geniale Intervention, lieber AD! Das mit dem Blankziehen auch. Irgendwie.«, lobhudelte er und deutete auf die Screens, die im Lounge-Bereich des Großraumbüros hingen. »Auf Twitter wurde live aus dem Konfi getweetet und Bilder hochgeladen. Ich habe munkeln gehört, dass Jean-Remy Krampfadern bei Ihrem Auftritt bekommen hat. Doch das mit dem Casual Friday müssen Sie etwas falsch verstanden haben, AD!«
»Hör bloß auf. Jean-Remy wollte nur remis spielen, wir aber auf Sieg und so ging er matt! Manchmal muss man eben auf Etiketten pfeifen und mit vollem Körpereinsatz spielen« erläuterte AD Karnebogen nippend an seiner Latte.
Er liebte seine Kunden, nur geschützt versteht sich, auch wenn sie ihm kaum ein Zeitfenster für ein Leben Out-Of-Office ließen, denn Kunden hielten sich nicht an Projektpläne oder den Dresscode am Casual Friday.
Er war seit mindestens heute morgen auf den nackten Beinen und fühlte sich wie ein Teenie in der Umkleidekabine bei H&M. Der AD wollte sich nur noch etwas anziehen!
Durch das nach oben offene Richter-Fenster der Agentur fiel facettenreich buntes Light-Design herein. Der Heuschnupfen meinte es in diesem Jahr gut mit dem AD. Zu gut. Schon im Februar fingen die Rüsselattacken an. Das war allerbestes Timing neben der Blasenerkältung.
»Wollen wir uns noch die aktuelle Apotheken-Umschau anschauen?«, erkundigte sich Kollege Horst Horst.
»Next Time. Heute hab ich schon genug Krampfadern gesehen. Ich will jetzt endlich wieder was anziehen.« gab der AD verschnupft zurück.
»Haben Sie deswegen Ihren Tornister und Turnbeutel dabei?« bemerkte Horst Horst scharfsinnig.
»Ja, da habe ich alles drin, was ich brauche: ein T-Shirt, eine Jeans, ein Beil.« erwiderte der AD.
Die Präsentation war wohl doch nicht so spurlos an ihm vorübergegangen …