Der Karawanebogen zieht weiter, der Consultant hält durch

AD Karnebogen hatte noch vor dem Fahneneid die Agentur verlassen und war zu einem Kunden unterwegs. Es kam selten vor, dass der altruistische Kölner Gestalter diesen Gang nach Canossa alleine ging, denn immer wieder gab es Praktikanten und Projektmanager, die sich ihm gerne anschlossen wie eine Herde gutmütiger Alpakas. Heute war es ihm gar nicht so unlikely, einmal keine Crowd um sich zu sharen, hatte der kontemplative Art Director doch so endlich einmal Me-Time, um mit sich in Klausur zu gehen.

Es war kurz vor knapp, als AD Karnebogen nach seiner geistigen Inventur beim Kunden eintraf. Er trat gerade in das Entrée von Hurzelpurzel Enterprises, als die Empfangsdame ihn auch schon durchstellte. AD Karnebogen begrüßte Ann-Christin Döpfner und Florian „Flo“ Kesch überschwänglich und sie baten ihn umgehend in ihren enterogasten Konferenzraum.
»Awesome«, sagte der sympathische AD und lächelte sie an, nachdem sie alle am Meeting-Table Platz genommen hatten, »jetzt soll also wirklich übergestern eure neue App gelauncht werden?«
Die jungen Entrepreneure sahen sich verschwörerisch an und nickten eifrig.
»Ehe wieder der Server crasht oder Flash wiederkommt«, prustete der junge Unternehmensgründer.
Ann-Christin schaute ihn mit funkelnden Augen an.
»Ich hoffe für meinen sogenannten Geschäftspartner, dass es wirklich unvorhersehbar war, daß man eine App auch testen muss um sie in den App-Store zu werfen«, meinte sie augenverengend. »Ansonsten hätte man meinen können, ein Beta-Test reicht ihm vollkommen aus.«
»Ich glaube, ihr hattet einfach nur Pech mit eurer ambitionierten Projektplanung und den Milestones«, sprang AD Karnebogen dem App-Entwickler pflichtschuldigst zur Seite. »Teamarbeit ist eben das Gegenteil von gutem Zeitmanagement.«
Dreimal hatten die jungen Unternehmensgründer schon einen Launchtermin anvisiert, doch immer wieder hatten kurzfristige Änderungen und irrationale Adhoc-Entscheidungen es mirakulöserweise anders gewollt.
Beim ersten Termin hatte Florian kurz davor „total zufällig“, wie er stets zu beteuern wusste, Redtube gestreamt und dabei versehentlich die Datei „Chlamydia.exe“ gedownloadet. Bei Arbeiten am Backend rauschte dann der Server ab und der fiese Virus nistete sich ins Intranet ein.
Der Virus hatte sich so hartnäckig auf den Festplatten eingebrannt, dass der junge Entrepreneur und sein potentes Team neuneinhalb Wochen lang ununterbrochen dazu gezwungen waren Redtube zu streamen. Als sie endlich wund waren, gab es wichtigere Dinge zu tun, als zu launchen, z.B. Wundsalbe kaufen.
Für diese Schwulitäten hatte Ann-Christin durchaus Verständnis, doch dann wollte es das Freelancer-Schicksal, dass Ann-Christin beruflich ebenfalls sehr eingespannt war. Die ehrgeizige Business-Lady arbeitete ehrenamtlich als Consultant in der Workaholic-Suchtberatung in Burn-Out-Boomtown Bitterfeld, und gerade zu der Zeit brannte eine Workaholic-Brennerei ab, sodass auch Ann-Christin nicht ans Launchen denken konnte. Es fiel ihr zwar schwer, den Launchtermin immer wieder hinausschieben zu müssen, doch kam sie so zu der tröstenden Erkenntnis, dass es zwischen Himmel und Erde höhere Kräfte geben musste.
Und der dritte Anlauf, um endlich die Bitcoin-Kasse klingeln zu lassen, scheiterte an einem brandneuen Branding, bei dem die gesamte Corporate Identity ein Opfer übereifriger Designer wurde. Lediglich die geschützte Logofarbe „Hirnhautumbra“ und das Naming „Cash-Flow mit Kesch-Flo“ konnte gerettet werden. Glück im Unglück war nur, dass Florian eh keine Kohle zum Bezahlen der Designer hatte. Inzwischen erstrahlte die Corporate Identity im haptischen Flat-Design, und ein App-Launch der jungen Entrepreneure stand nun leider nichts mehr im Weg.
»Dann wollen wir doch schwer hoffen, dass wieder was geschieht, das euch zwingt, den Launch-Termin noch mal zu verschieben«, verabschiedete sich AD Karnebogen nach dem desavouierenden Meeting.
Milde lächelnd sah er sie an. Ann-Christin und Florian waren ein lebendes Beispiel dafür, dass eine unausgegorene App gar nicht erst auf den Markt kommen muss, wenn man es nur lange genug künstlich hinauszögert.
Wenn es doch nur immer so wäre …