Als es bei AD Karnebogen jingelte

Jean-Remy Martin, weinbrandseliger Satyr der Werbung, Nemesis und Antipode von AD Karnebogen, pitchte um einen neuen Etat. Gegen AD Karnebogen! Ein Jingle für die Werbung von Dia Rieu, dem taktvollen Abflussreiniger, wurde dringend gebraucht.
Marketing-Direktorin Ute Rust von Salmonella International, dem Hersteller von Dia Rieu, unterrichtete beide in einem Briefing über die komplexen Anforderungen, die zu erfüllen waren. Der Jingle sollte kurz, prägnant und mit dem Claim „Adieu Dia Rieu!“ abschließen. „Ich will aber auch, dass der Jingle in den sozialen Medien viral abgeht wie ein Geißeltierchen!“, gab sie den beiden als verbalen Nackenschlag noch mit auf den Weg.
AD Karnebogen spürte Unwohlsein in sich aufsteigen. „Soll ich wirklich für Salmonella und Dia Rieu arbeiten und einen viralen Jingle kreieren?“ Sein Magen verstimmte sich bei dem Gedanken wie eine Triangel in der Grundschule. Er brauchte Sozialhilfe! Genauer gesagt Sozial-Media-Hilfe. Gegen den alle Register ziehenden Windhund Jean-Remy ließ sich nicht alleine gewinnen, dafür bedarf es einer Combo versierter Spezialisten, sinistrer Strategen und findiger Trüffelschweine. Und da hatte er auch schon eine Idee …

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Auf einem Computerfriedhof am Ende Kölns sah man drei obskure Gestalten Platinen löten, auf selbstgebastelten Turntables scratchen und rege soziale Medien kommentieren. Echtes Multitasking eben. Köln war bekannt dafür, das Designer hier Doppelqualifikationen vorzuweisen hatten. Der Satz „Aber eigentlich bin ich DJ!“ war ein geflügeltes Wort in der Dom-Stadt.
Die drei doppelqualifizierten Gestalten und Gestalter #enning, #ugo und #elge löteten, scratchten und kommentierten ungeniert weiter als der AD bei ihnen aufschlug. „Komische Typen!“, dachte er sich. Der erste war anscheinend DJ und Designer, der zweite MC und Designer und der dritte NSFW und Designer. Einer der drei gab dem wartenden AD beiläufig einen Link zu ihrem Social-Media-Profil:

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Die drei Hashtags
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„Wir kommentieren jeden Scheiß.“

Erster Hashtag: #enning
Zweiter Hashtag: #ugo
Dritter Hashtag und Backup: #elge
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„Was bedeuten die drei Hashtags?“, fragte der AD.
„Die Hashtags sind ein allgemeines Symbol für Social-Media, für ungefragte Kommentare und Gelaber jeder Art“, sagte der altkluge erste Hashtag #enning. „Wir haben schon unzähligen Scheiß inadäquat kommentiert. Und sie sind…?“
„Karnebogen. AD Karnebogen!“, antwortete ebenjener.
„Steht das AD für Apollo-Dionysos? Beschissener Vorname!“, kommentierte der zweite Hashtag #ugo ungefragt und brach in Gelächter aus.
„Oder vielleicht Arbeitsloser Designer?“, setzte der Dritte im Bunde, #elge, giggelnd nach.
„Ich darf doch wohl sehr bitten! Aber ihr scheint eurem Ruf alle Ehre zu machen. Ihr kommentiert wirklich jeden Scheiß!“, räusperte sich der AD und fuhr fort: „Ein AD ist so eine Art Director. Und deshalb bin ich auch hier. Ich muss einen viralen Jingle kreieren und brauche Hilfe. Soziale Medienhilfe.“
„Was ist überhaupt ein Jingle?“, fragte der erste Hashtag.
„Ein Jingle ist die Geburt der Werbung aus dem Geiste der Musik!“, flötete der AD.
„Und welche Expertise haben Sie auf diesem Gebiet? fragten der zweite und dritte Hashtag unisono.
„Zu meinen Referenzen gehört der Agenturjingle: Karnebogen repariert. Karnebogen tauscht aus.“ erläuterte der AD. „Mein Neukunde ist der Abflussreiniger Dia Rieu und der braucht einen viralen Jingle.“
„Das ist in der Tat ein Social-Media-Problem. Wir lieben Probleme. Wir sehen immer das Pro und nicht das blem. Und seit #elge #epatitis und #ugo #erpes hat, sind wir auch viral besser aufgestellt. Nur ich muss noch eine Fortbildung machen.“, gab #enning zu verstehen.
„Piano, piano! Das mit der Fortbildung sollten wir nicht unbedingt jedem erzählen, #enning!“, setzten #ugo und #elge nach. „Und erstmal brauchen wir sowieso eine Melo…“
„Schweigt Stille! Ich muss gerade mal in mich horchen, um zu hören.“, ging der AD dazwischen. „Dumm dumm didel dumm dumm!“, summte er. „Da ist die Melodei! Als Klangfarbe schwebt mir ein silbriger Klang vor, wie ein Kieselstein, der auf die spiegelglatte Oberfläche eines gefrorenen Sees geworfen wird. Doch wie wird’s viral?“
„Was viral wird, setzt sich fest wie ein ungebetener Gast auf der heimischen Couch… der Jingle muss ein Ohrwurm werden!“, kommentierten alle drei Hashtags simultan.
„Also ein ohraler Virus… schöne Idee!“, pflichtete AD Karnebogen bei. „Das meiste Gedudel ist nur Rauschen und kein Signal, deshalb setzen wir ein Signal: direkt ins Ohr…“

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Am Tag der Präsentation sah Jean-Remy gar nicht gut aus. Er hatte sich wohl was eingefangen, als er viral durch die Gegend pfiff. Er war vollkommen von der Rolle und präsentierte einen Jingle mit dem Text „Diba diba Du. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Es war entsetzlich. Er war durchgefallen. Die Kundin Ute Rust konnte nur noch konsterniert entgegnen: „Adieu Jean-Remy. Hinfort, aber fortissimo!“
AD Karnebogen brachte seine Boygroup „Die drei Hashtags“ mit und ließ den Sängerknaben den Vortritt. Er gab ein ohrenbetäubendes Signal mit einem Schiffshorn und wie ein himmlischer Engelschor sangen die Hashtags ihre ansteckende Ode auf Dia Rieu und in den erregten Ohren der Zuhörer… jingelte es!